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Irchwitz ist seit 1392 urkundlich nachweisbar und seit dem 1. April 1921, zusammen mit Pohlitz, ein Ortsteil der Stadt Greiz.
Mit großer Sicherheit ist Irchwitz eine slawische Ortsgründung, und der Name kann auf das slawische "Jerochovicy" zurückgeführt werden. Das heißt Sippe und Dorf eines Sorben namens Jeroch.
Möglich wäre aber auch eine Ableitung aus den Namen Gir, Görg, Jörg, Georg, Erk oder Erich.
In den ältesten Urkunden erscheint der Name 1449 als "Yrchewicz" und 1551 als "Irgwitz".
Auf der Irchwitzer Flur fand man bisher sechs Werkzeuge aus der Mittel- und Neusteinzeit, keines aus der Bronzezeit, zuletzt im Jahre 1938 bei Talbach einen Schaber aus Diabas in der Größe von 7,5 mal 4,5 Zentimetern.
Das ursprünglich sorbische Gebiet mit dem ausgeprägten Rundling, dem späteren Irchwitz, ist zur Zeit der Weidaer Vögte fast eingedeutscht.

Im Jahre 1392 wird der Ort erstmals urkundlich erwähnt, als Heinrich Reuß von Plauen der Jüngere, Herr zu Greiz, der Kirche für eine Seelenmesse ein Vorwerk stiftet, welches später als "Sorggut" bekannt wird. Es lag zwischen Thalbach und dem Steinbruch in der Nähe der heutigen Gaststätte "Waldfrieden" und besaß Brenn- und Braurecht. Es brannte am 19.März 1821 ab. Dort verbrachte übrigens oftmals der Greizer Stadtpfarrer und Superintendent Traugott Wettengel seine Sommerferien, nach welchem in Greiz eine Straße benannt wurde.
Im Jahre 1394 wird Irchwitz bereits ein zweites Mal erwähnt, als die reußischen Herren den Geistlichen der St.-Erhards-Kapelle auf dem Oberen Schloss für tägliches Messehalten "Fünf breite Mark" jährliche Zinsen stifteten, die auf den Dörfern liegen, zu denen auch Irchwitz und Pohlitz gehören.
Die nächste Erwähnung findet Irchwitz im Jahre 1449 bei der Teilung der Greizer Herrschaft, als die Siedlung zu Untergreiz kommt.

Das älteste erhaltene Einwohnerverzeichnis stammt aus dem Jahre 1583. Für Irchwitz sind ausgewiesen „Zehn gesessene Erbmänner mit zehn Feuerstätten“. Die zehn Bauernhäuser sind klein und gruppieren sich um den heutigen Teichplatz. Ursprünglich sind es vier Höfe, welche immer wieder geteilt werden. Die Bauern besitzen an Nutzvieh insgesamt sechs Pferde, 32 Kühe, 34 Kälber und 13 Schweine. Der Wert des gesamten Besitzes wird auf 1050 Gulden geschätzt.
Die zehn „Erbmänner“ heißen Ditian Albert, Jakob Binke, Hans Didel, Lorenz Didel, Hans Heiner, Jobst Model, Morchners Witwe, Lorenz Schultz, Caspar Schwarz und Philipp Weiß.
Jeder Hof hat aus Mangel an geeigneter Futtermenge durchschnittlich nur drei Kühe und drei Kälber. Die Schweinezucht ist vor der Verbreitung des Kartoffelbaus eher unbedeutend.
Ein Fünftel der Irchwitzer Flur gehört zum Sorggut, ein anderes den Irchwitzer Bauern, aber drei Fünftel der Domäne, dem größten Hof, der aus einem von den Vögten errichteten Vorwerk hervorging und dessen Bewirtschaftung vorwiegend durch Fronarbeit erfolgt. Bezahlt werden von der Herrschaft nur der Kornschreiber, der Hirte und eine „Schweine-, Kälber- und Käsemutter“.
Über die Art des Wirtschaftsbetriebes und die feudale Ausbeutung geben uns die Frontagebücher des Kornschreibers Aufschluss. Im Jahre 1572 ist beispielsweise aufgezeichnet: „Von Irchwitz sind fünf Mann zum Holz schlagen verpflichtet worden…“ Die Spannfröner haben die Felder zu bestellen und die Ernte einzubringen, müssen die landwirtschaftlichen Geräte selbst mitbringen und bis 19 Uhr arbeiten. Erst nach Beendigung ihrer Frontage können sie ihre eigenen kleinen Felder bewirtschaften.
Die Handfröner haben Erdarbeiten zu verrichten, Hopfenstangen zuzubereiten, die Ställe auszumisten und das Getreide zu dreschen.

Im Jahre 1786 wird die Irchwitzer Domäne wegen der hohen Schuldenlast der Herrschaft aufgelöst und der größte Teil des Grundbesitzes veräußert, den Irchwitzer und Reinsdorfer Bauern sowie Greizer Einwohner erwerben.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts hat Irchwitz mit der im Aubachtal gelegenen Streusiedelung insgesamt 48 bewohnte Gebäude und fast 600 Einwohner.

Thalbach ist als Teil der Irchwitzer Domäne bis 1789 Schäferei und besteht aus Ställen sowie einer Wohnung für den Schäfer. Dann wird Thalbach bis 1836 ein selbstständiges Gut, das auch Braugerechtigkeit besitzt. Die Grundstücke und Gebäude werden einzeln verkauft. Die Irchwitzer Kleinbauern können ihre Felder vergrößern, die Landwirtschaft bekommt neuen Auftrieb. Triften werden urbar gemacht, Sümpfe auf Wiesen entwässert, Kartoffeln statt Hopfen angebaut.

1810 findet erstmals eine genaue Vermessung der Irchwitzer Flur durch einen Fürstlich-Reußischen Landmesser statt. Sie zählt mit 426 ha zu den größten des Fürstentums Reuß älterer Linie und erstreckt sich vom Hainberg bis zur Schwarzhammermühle, vom Göltzschgrund über Thalbach bis St. Adelheid und zum Kugelacker.

Die bekanntesten Flurnamen sind der Zieger (der urkundlich schon 1776 erwähnt wird und auf dem die Kleinbauern nur Ziegen hintreiben durften), die Papierleithe und der Mühlweg (der älteste Weg vom Hopfenacker zum Hof der alten Papiermühle an der Götzsch), der Höllacker mit dem Göltzschgraben (einst mit Hopfen bestellt), der Wolfsschlucht zwischen Hohenstein und Papierleithe (wo vom 15. bis 17. Jahrhundert landesherrliche Wolfsjagden stattfanden, der Sauanger (eine alte Viehweide an der Göltzsch), der Sorggraben (einst Obstgarten des Sorggutes) mit dem Tiefen Graben (der 1742 durch einen Wolkenbruch bei Thalbach entstanden war), die Hohe Reuth (zwischen Sorgweg und der Göltzsch), die Grubendreh (mit eisenhaltigem Schiefervorkommen, die einst in der Schwarzhammermühle verhüttet wurden), die Geiersleithe (eine tiefe Schlucht zwischen Thalbach und der Schwarzhammermühle, früher mit Raubvogelbestand), die Schaftrift (bis 1780 Schafwiese für die Thalbacher), die Staudenwiese am Staudenbach, der Ochsenteich (an den Ochsenäckern zur Tränkung der Ochsen der Fronbauern), die Brahmäcker (an der Schönfelder Straße gelegen und nach Brombeeren genannt, die Irchwitzer Fröner aushacken mussten), der Kugelacker (nach der Oberflächenform der dort liegenden Fluren), die Tiergartenhut (der heutige Hofgartenweg, die Balgere (vom slawischen „Bela gora“, weißer Hügel), das Zehntenfeld (aus dessen Besitz der Zehnte dem Reinsdorfer Pfarrer und dem Greizer Superintendenten zustand).

Im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 hatte die Bevölkerung schwer unter zu großen Abgaben und Plünderungen zu leiden. In den Jahren 1627 und 1632 entsteht nach Angaben des Irchwitzer Ortsrichters ein Schaden von 316 Talern, 3 Groschen und 6 Pfennigen, wobei besonders die Schäferei Thalbach, das Vorwerk Sorggut und die Irchwitzer Domäne betroffen sind.

Holksche Truppen bringen die Pest mit. Im Reinsdorfer Sterberegister ist zu lesen: „226 Menschen raffte die Seuche in einem knappen Jahr in den vier Orten Reinsdorf, Waltersdorf, Schönfeld und Irchwitz dahin.“ Vom September 1633 bis Juli 1634 sterben 47 Irchwitzer, also mehr als die Hälfte der damaligen Einwohner. 1638 hat Irchwitz und Reinsdorf das geringste Steueraufkommen im Gebiet des späteren Fürstentums Reuß ältere Linie.

Im siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 hält sich auf Irchwitzer Flur ein österreichisches Reiterkorps vor den Preußen verborgen und plündert.

Im Jahre 1757 kommen die preußischen Generäle von Zieten und von Itzenplitz auf die Irchwitzer Höhen, schicken den Kornett von Wichard in die beiden Greizer Schlösser zur Erkundung, ob Exzesse durch preußische Truppen vorgekommen seien, und lassen versichern, dass König Friedrich II. das Reußenland verschonen wolle, wenn nichts zum Nachteil preußischer Truppen geschehe und die Soldaten ordentlich verpflegt würden.

1759 muss die Bevölkerung für die Preußen auf dem Irchwitzberg Schanzen anlegen. Die Bewohner von 23 Irchwitzer Häusern haben dazu die Arbeitskräfte zu stellen. Am 17. April 1763 wird in der Reinsdorfer Kirche, zu deren Kirchgemeinde Irchwitz noch heute gehört, das Friedensfest begangen.

In der Bevölkerung wächst der Widerstand gegen die Fron. Die schlechte finanzielle Lage der Landesherrschaft in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts zwingt zum Verkauf der Irchwitzer Domäne.

In den Befreiungskriegen gegen Napoleon müssen 1813/14 Gebäude der Domäne und der Kleinbauern zu Lazaretten werden, in denen 133 verwundete und kranke Russen untergebracht werden, von denen 7 an Fleckenfieber sterben und 3 Einwohner anstecken, die auf dem Reinsdorfer Friedhof die letzte Ruhe finden.

Die Landwirtschaft allein kann die Irchwitzer „Kleinhäusler“ nicht ernähren. Viele sind als Weber beschäftigt, und mit dem Aufkommen der Textilindustrie werden sie zu Lohnarbeitern. Zur Errichtung von Fabrikanlagen benötigt man Baugelände, welches der enge Greizer Talkessel nur in bescheidenem Maße bieten kann. Darum gründet man von 1878 an Fabriken im Aubachtal auf Irchwitzer Flur, wo außerdem noch Raum für Wohnsiedlungen ist. 1865 wird die Bahnlinie Greiz/Aubachtal – Brunn fertig gestellt, die 800 Meter durch Irchwitzer Gebiet führt.

Als erster Betrieb entsteht 1878 die Firma Schilbach und Co., die 1884 erweitert und eine der größten Webereien des Greizer Industriegebietes wird.

1890 gründet man die Firma Gentzsch & Perzel, 1895 die Firma Zirnite und Kolbig, 1921 die von Hugo Frank.

Die Papiermühle im Göltzschtal, seit 1637 dort angesiedelt, entwickelt sich zu einem modernen Großbetrieb, der vielen Irchwitzern Arbeit bietet.

Von 1890 an setzt eine lebhafte Bautätigkeit In Irchwitz ein. Die Werksiedelung „Günthers Kolonie“ wird 1908 angelegt.

Der Zuzug von Weber- und Handwerkerfamilien lässt in wenigen Jahren einen neuen Ortsteil entstehen: Aubachtal. Die Einwohnerzahl von Irchwitz steigt innerhalb von wenigen Jahren beträchtlich an. Der Ort hat 1871 699 Einwohner, 1885 bereits 2041, Im Jahre 1900 schon 3848 und 1919 bereits 3953 Irchwitzer Bürger.

1920, dem Jahr vor der Eingemeindung von Irchwitz zu Greiz zählt Irchwitz 4009 Einwohner. Irchwitz ist nun der Greizer Vorort mit dem größten Anteil an Industriearbeitern.

Im Jahre 1895 verlangt Fürst Heinrich XXII. von den zur Gemeinde Irchwitz gehörenden Einwohnern des Aubachtals und denen des benachbarten Teils der Stadt Greiz den Bau einer Kirche. Damit wird Aubachtal kirchlich von der Muttergemeinde Irchwitz getrennt. Schon 1885 hatte Aubachtal eine eigene Schule.

Irchwitz gehört bis 1881 zum Schulverband Reinsdorf, wo im Jahre 1567 urkundlich ein erster Schulmeister erwähnt wird. Die Irchwitzer müssen durch Naturalien und Geldabgaben den Lehrer mitbezahlen. So haben im Jahre 1584 fünf Bauern zu Michaelis 7 Napf Korn, 5 Brote, 48 Käse und 1 Napf Eier abzugeben. Dazu hat jedes Kind dem Lehrer wöchentlich 4 Pfennige zu überbringen.

Die Irchwitzer fordern um 1850 eine eigene Schule, denn im Sommer wie im Winter haben 80 Irchwitzer Kinder einen Schulweg von über einen Kilometer Länge, dazu auf einer Höhe von rund 400 Metern über dem Meeresspiegel. Die Schulverhältnisse werden bald unhaltbar: 380 Kindern aus Irchwitz, Reinsdorf, Waltersdorf, Schönfeld und Kahmer stehen zwei Räume zur Verfügung. 90 Kinder werden jeweils in einem Zimmer unterrichtet, wobei zur Anfertigung schriftlicher Arbeit kein Platz ist und Schüler sogar auf dem Fußboden sitzen müssen.

1850 wird in Kahmer eine Schule errichtet.

1876 machen die Eltern der 170 schulpflichtigen Irchwitzer Kinder an das Fürstliche Konsistorium eine Eingabe zur Errichtung einer selbstständigen Schule, die 1881 fertig gestellt wird. Doch schon bald erweist sich auch diese Schule für 142 Irchwitzer Kinder und 42 Kinder aus Adelheid (zwischen Schönfeld und Reinsdorf) sowie Aubachtal als zu klein, so dass vier Jahre später in Aubachtal eine Schule errichtet werden musste.

Bis zum Jahre 1903 ist die Irchwitzer Schule sechsklassig. Ein neues Gebäude muss geplant werden, und 1909 ist neben der alten Schule eine neue entstanden, in welcher sogar in den Kellerräumen Brausebäder für die Schüler und Wannenbäder für die Irchwitzer Einwohner eingebaut wurden, was damals als großer hygienischer kultureller Fortschritt zu bewerten war. Schon 1920 erreicht die Schülerzahl ihren damaligen Höchststand von 480 Schülern.

Bei den Reichstags- und Gemeinderatswahlen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erklärt sich die Mehrheit der Einwohner, die meistens Arbeiter, Kleinhäusler und Mieter sind, für die Sozialdemokratie. „Der bodenständige, bäuerliche Teil war gut vaterländisch und fürstentreu gesinnt“, konstatiert Reinhard Michaelis. Diese Bauern lehnen es ab, bei den SPD- Wählern, die man gut zu kennen glaubt, Düngergruben zu entleeren und auf ihren Feldern Kartoffeln zur Selbstversorgung anbauen zu lassen. Die sozialdemokratischen Wähler in Irchwitz schließen sich daraufhin zu einem Club zusammen und pachten ein Feldgrundstück am Zieger, düngen es selbst und bauen ihre Kartoffeln an.

Der „Klassenkampf“ wird von zwei Lokalen aus geführt. Im Gasthof „ Zum Goldenen Löwen“ verkehren nur die Bauern, von denen jeder seinen bestimmten Platz am runden Tisch hat. Der „Goldene Löwe“ diente zuletzt als Schulhort und wurde im Jahre 1996 abgerissen. Heute befindet sich die Ausstellung und das Auslieferungslager des Baustoffhandels Gebrüder Löffler an dieser Stelle.

Die Mitglieder des sozialdemokratischen Clubs hielten in Horlbecks Lokal ihre Zusammenkünfte ab. Horlbecks Lokal befand sich an der Stelle des heutigen Sparmarktes „Korn“ und wurde 1945 von amerikanischen Granaten getroffen, welche von Gommla aus abgefeuert wurden und das Gebäude vernichteten.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts beginnt eine lebhafte Vereinstätigkeit. Zuerst wird im Jahre 1857der Jugendgesangsverein, mit einer Mitgliederzahl von über 100 Sängern gegründet. 1874 gründet man den „Allgemeinen Turnverein“, der eine Turnhalle errichten lässt. 1878 gründet man einen Militärverein, 1880 einen Sparverein, 1883 gar einen Pfeifenclub, 1885 den Männergesangsverein, 1886 eine Sterbekasse, 1890 den Hausbesitzerverein, 1896 einen Geflügel und Kaninchenzüchterverein und 1903 den Sozialdemokratischen Verein.

Am 01.Januar 1900 bekommt Irchwitz einen eigenen hauptamtlichen Gemeindevorsteher.

1902 wird für Irchwitz eine Trinkwasserleitung nebst Kanalisation errichtet.

Irchwitz ist 1909 die erste Landesgemeinde des Fürstentums, welche sich zur Stromversorgung an die Überlandzentrale Reichenbach anschließt.

1910 zieht die Gemeindeverwaltung in Büroräume über der Pumpanlage des Wasserwerks an der Reichenbacher Straße in Aubachtal.

Im Jahre 1911 lässt der Besitzer der Papierfabrik Dr. Felix Günther das Margaretenheim erbauen, einen Kindergarten, der in erster Linie von 50 bis 60 Kindern besucht wird, deren Eltern in der Papierfabrik tätig sind. Aber auch Räume für schulpflichtige Kinder, die hier unter Aufsicht ungestört ihre Schulaufgaben erledigen können stehen zur Verfügung, was man als Vorläufer eines Schulhortes bezeichnen kann. „Die Kinder werden nicht nur bedient und beschäftigt, sondern auch frei gespeist. Jedes der größeren Kinder hat auch ein eigenes Beet für erste gärtnerische Künste zur Verfügung“, schreibt Reinhard Michaelis, einst Irchwitzer Schulleiter.

Irchwitz besitzt 1907 eine eigene Ortssparkasse und schon bereits 1889 eine Postagentur, die im Jahre 1995 geschlossen wird. 1912 wird eine Milchkontrolle eingeführt, die erste in einer ländlichen Gegend des Reußenlandes.

Im zweiten Jahr des Ersten Weltkrieges sind über 400 Irchwitzer zum Kriegsdienst eingezogen. 1916 sind es bereits 600 und im Jahre 1918 861 Männer.

235 Einwohner fielen in diesem Krieg, das sind 27,3 % der einberufenen Soldaten, 24 Irchwitzer galten als vermisst, 9 gerieten in Gefangenschaft, 102 Einwohner des heutigen Ortsteils Irchwitz fallen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren. Ihnen zum Andenken wird in der Ortsmitte, am Teichplatz ein Denkmal errichtet.

Wie viele andere Gemeinden, so hat auch Alt – Irchwitz seine „Originale“.

Da ist zuerst der Sonderling Heinrich Ferdinand Göttling (1765 – 1850) zu nennen, der als reichster Mann des Fürstentums galt und über ein Kapital von 500000 Talern verfügt haben soll. Auf der Schönfelder Straße besaß er ein Gut, war Wollhändler, Kauf – und Handelsherr. Trotz seines immensen Reichtums lebt er äußerst spartanisch, legte auf Kleidung keinen Wert und aß sehr wenig. In der Öffentlichkeit soll er sich nur in Schlafrock und Unterhosen gezeigt haben und auf weichem Rasen gegangen sein, um den Schneider und den Schuster einzusparen. Am liebsten habe er Kartoffelbrei mit braunen Zwiebeln verzehrt, wobei er jedoch die Zwiebeln herausgefischt haben soll, um sie ein weiteres Mal verwenden zu können.

Als sich ein Greizer Webmeister, Vorfahre eines Webereifabrikanten, eine größere Geldsumme als Hypothek auszahlen lassen wollte, fiel ein Pfennig dabei zu Boden und wurde nicht sofort wieder gefunden. Darauf soll der Webmeister geäußert haben, Göttling möge sich doch wegen dieser „Kleinigkeit“ nicht bemühen. Darauf habe Göttling die aufgezählte Geldsumme an sich genommen mit den Worten: „ Wer Kleinigkeiten nicht achtet, kann auch mit großen Beträgen nicht umgehen!“

Göttling vermachte um 1840 der Reinsdorfer Schule und Kirche größere Summen und errichtete ein Legat zugunsten bedürftiger Schüler und alter Leute. Da er unverheiratet und kinderlos war, kaufte er einem Neffen die Rittergüter Wenigenauma, Zadelsdorf und Silberfeld bei Zeulenroda, die dieser als Landwirt zu verwalten hatte. Der „Göttlingstein“ zwischen Weißendorf und Silberfeld wurde 1863 von seinen Nachfahren errichtet, um an den Mann zu erinnern, der „trotz seines Reichtums in seiner Lebenshaltung kaum von der eines einfachen Webers unterschied“ schrieb Reinhard Michaelis.

Göttlings Freund war der Irchwitzer Ortsrichter Friedrich Wilhelm Bauch, der 1797 in Irchwitz geboren wurde, von Beruf Zeugweber und Landwirt war und die stattliche Anzahl von 15 Kindern hatte, welche frühzeitig in der Landwirtschaft mithelfen mussten. Vier seiner Kinder starben im jugendlichen Alter. Zusammen mit seiner Frau konnte er die goldene und diamantene Hochzeit erleben.

Das ganze Gegenteil von Göttling war der Herr von Metzsch, ein verarmter Adliger, einst Erb- und Gerichtsherr in Görschnitz, verheiratet mit einer Freifrau. Trotz leerer Kassen, spielte er ständig den Lebemann und macht in aller Welt Schulden. Die Gläubiger pumpten ihm auf Grund seines Adels jede Summe, welche er für seine Passionen brauchte. Größer als die Zahl seiner trauernden Hinterbliebenen war beim Tod des Herrn von Metzsch die Zahl der Gläubiger. Dabei genoss er zu Lebzeiten sogar finanzielle Unterstützung vom Greizer Fürstenhof.

Ein zweifelhaftes Irchwitzer Original war auch der Herr Biedermann, von Beruf Weber, der gesund und kräftig, der Arbeit sehr abhold war, „mein und dein“ nicht recht unterscheiden konnte und daher seine Irchwitzer Wohnung oftmals nach dem Oberen Schloss ins Verließ bei Wasser und Brot verlegen musste. Die Familie geriet in Not.

Biedermann trieb sich oft im Ausland umher und brachte eine fremde Frau mit, der er sich als Rittergutbesitzer ausgegeben hatte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Beiden dann ins Ausland ausgewiesen und sollen nach Amerika ausgewandert sein.

Der in Irchwitz geborene Stadtgendarm Christian Hilpert (1796 – 1868) galt als der „liebenswürdigste und humanste Gendarm des ganzen Reußenlandes“ (nach Rudolf Schramm), als „rühmliche Ausnahme unter den Schutzmännern, die sich im vorigen Jahrhundert keiner besonderen Beliebtheit erfreuten“. Es war ein „offenes Stadtgeheimnis“, dass zwischen ihm und seiner „Stammkundschaft“, vorwiegend bettelnde Handwerksburschen auf Wanderschaft, ein sympathisches Verhältnis von seltener Harmonie bestand. Musste er einen solchen Burschen in Handschellen zur Wache aufs Obere Schloss bringen, so scheute er, mit ihm den Berg zu erklimmen, ermunterte ihn zum Ausreißen und lockerte die Fesseln. Diensteifer und Entrüstung vortäuschend soll Christian Hilperts ein paar Sätze nachgesprungen sein und sich eine schriftliche Meldung oder den beschwerlichen Weg zum Oberen Schloss erspart haben.

Zu den Irchwitzer Originalen gehören auch die beiden Höhlenbewohner des Göltzschtals „Lieb und Finger“, den Weber Johann Gottlieb Flach (1843 – 1904) und den Steinbrucharbeiter Johann Heinrich Fretzschner (1850 – 1905). (Über die Beiden werden wir noch einen speziellen Beitrag erstellen.)

Ein ungewöhnliches Schicksal war der Thalbacherin Gottliebe Bennona Schröder (1849 – 1918) beschieden, welche „mit zwei handgroßen, verkrüppelten Füßen am Unterleib und einem kurzen, kaum 12 Zentimeter langen Armstummel an der linken Schulter als Tochter eines Tischlermeisters geboren wurde“. So beschrieb sie der bekannte Pohlitzer Pädagoge und Geologe Leander Macht. Sieben Jahre wurde sie in einem Handwagen zur Schule nach Reinsdorf gebracht, wo sie lesen, schreiben und rechnen lernte. Ein vom Vater angefertigtes Schreibgerät hielt sie zwischen linker Schulter und ihrem Kinn oder bediente sich eines Griffels, den sie im Munde führte, wobei sie auch Handarbeiten wie Nähen, Häkeln und Stricken verrichtete. Vom 17. bis zum 50. Lebensjahr wurde sie als „Mensch ohne Arme und Beine“ zum Objekt profitgieriger Schausteller, mit denen sie auf Vogelschießen und Jahrmärkten durch Mittel- und Westeuropa zog. Gottliebe Bennona Schröders Eintrag in ein Poesiealbum im Jahre 1916 lautete:

„Im Glück nicht jubeln und im Sturm nicht zagen,

Das Unvermeidliche mit Würde tragen,

Das Böse hassen und am Schönen sich erfreu´n,

Das Leben lieben und den Tod nicht scheu´n,

An Gott und die Zukunft glauben,

Heißt Leben, heißt dem Tode stets sein Bitteres rauben.

Einige älter Irchwitzer werden sich sicher an den „Rapps Felix“ (1878 – 1959) erinnern, der bis in die fünfziger Jahre in seiner Freizeit ein bekannter und geschätzter Alleinunterhalter, Sänger, Humorist und Spaßvogel war. Noch in den zwanziger und dreißiger Jahren waren in Irchwitz und benachbarten Gemeinden Maskenbälle und gesellige Veranstaltungen ohne ihn undenkbar.

Seit dem Jahre 1905 gab es Bestrebungen der Eingemeindung von Irchwitz nach Greiz. In der Gemeinderatswahl von 1919 errangen die Sozialdemokraten die Mehrheit. Im gleichen Jahr beschloss der Greizer Stadtrat die Eingemeindung von Irchwitz und Pohlitz, die am 1. April 1921 vollzogen wurde. Damals war Irchwitz mit 4000 Einwohnern im der größte Vorort der Stadt Greiz.

(nach Reinhard Michaelis

von Rudolf Söllner , Greiz Irchwitz)


 
Kommentare (4)
Torsten Röder aus Greiz-Schönfeld schrieb: (2010-01-14 19:43:09)
Hallo Webmaster, ich hatte bereits einmal mit einer Chronik zu unserem Verein Haus & Grund Thür. Vogtland Greiz e.V. begonnen. Dabei war ich im Staatsarchiv auch auf den "Hausbesitzerverein Irchwitz" gestoßen. Da wir die Archivdaten auf unserer Website www.hug-greiz.de ohnehin einmal einstellen wollen, an Sie die Frage: besteht Interesse an gescannten Unterlagen zu Irchwitz (soweit im Archiv beschaffbar)? Bezüglich Schulchronik könnte ich ein Klassenfoto (Kl. 1b, Schuljahr 19707/71, Klassenleiterin Ursula Niederstadt) beisteuern, was auch schon im Internet steht (diese Website, wo man sich registrieren kann und die Namen im Foto erscheinen). Bei Interesse bitte einfach melden. Und natürlich: unbedingt mit dieser Website weitermachen! MfG Torsten Röder

Anmerkung des Webmasters:
Selbstverständlich gibt es Interesse von Irchwitz.de. Leider ist meine Seite seit meiner Selbstständigkeit 2007 etwas vernachlässigt wurden. Zur Zeit beginne ich wieder die Seite zu reaktivieren. Die Wettervideos habe ich automatisiert und stehen seit Januar 2010 wieder zur Verfügung. Weitere Videoangebote werden folgen. So nach und nach wird die Seite wieder aktualisiert.
Vielen Dank
Andreas
Susanne Böhme aus Dresden schrieb: (2006-09-10 11:12:54)
Durch die Familienforschung wurde ich vor die Frage gestellt, wo Irchwitz liegt. Kollegen wiesen mich auf die Website hin, deren geschichtlicher Teil sehr interessant ist. Die Gestaltung ist sehr informativ, ich werde sicher wieder einmal hereinschauen.
Reinhard Wetzel aus Chemnitz schrieb: (2005-08-30 16:12:30)
Habe heute erst die herrliche Seite als geborener Greiz-Irchwitzer (Kugelacker 19) entdeckt. Prima. Besten Dank für die Mühe. Ich werde die www weiter verfolgen. Rudolf Söllner hatten wir als Lehrer in Geschichte. Er war zuletzt Lehrer an der EOS in Greiz.
Andreas (Webmaster) aus Irchwitz schrieb: (2004-10-27 12:59:57)
Herzlichen Glückwunsch, sie haben es geschafft, sich bis ans Ende des Dokumentes durchzulesen! Das schafft nicht jeder!